Darmstaedterecho
SONNTAGS-ECHO - SAMSTAG, 17. JULI 2010
Gemellaggio - Freunde in der Ferne Toskana
Besuch in der mit Roßdorf verschwisterten Gemeinde Reggello
Idylle zwischen Olivenbäumen und Weinbergen
Nur die riesige Outlet-Mall in der Nähe sorgt bei vielen Einheimischen für Unmut
Hoch, runter, ein wildes Hin und Her. Die schmale Straße durch die Montagna Fiorentina erinnert an eine Achterbahn. Kaum bleibt am Steuer des Autos Zeit für einen Blick auf die malerische Landschaft. Trotzdem kommen wir ein Dutzend Kurven hinter dem Städtchen Donini an den Abzweig zur „Fattoria Montalbano". Von einem„kleinen Paradies" spricht der Reiseführer bei der Beschreibung des Anwesens mit seinen 25 Hektar Land, 1500 Olivenbäumen, acht Hektar Weinbergen und in die Idylle gebetteten Ferienwohnungen. Daniela und Luciano Nustrini sind Ölbauern, Winzer und Vermieter der ländlichen, aber durchaus zeitgemäß ausgestatteten Quartiere auf dem weitläufigen Gelände der Fattoria Montalbano. Die Wohnungen haben meist zwei getrennte Schlafräume, einmodernes Bad, eine voll eingerichtete Küche, in der Toskana sind solche Feriendomizile keine Seltenheit. Aber die Fernsicht von der Terrassen ins weite Tal des Arno scheint einmalig. Daniela ist Deutsche, kommt aus Kleve im Rheinland. Sie lernte Luciano vor mehr als 20 Jahren am Strand in Apulien kennen, wo er eine Surfschule betrieb. Seit 20 Jahren sind die beiden verheiratet, haben vier Töchter und bewirtschaften die Fattoria. Mit den Jahren wuchs der Grund- und Immobilienbesitz durch Zukauf.
Ruhiges Leben im Hinterland von Florenz
Montalbano liegt rund 35Kilometer südöstlich von Florenz am Fuß der Gemeinde Reggello, der Partnerstadt von Roßdorf. Der Landstrich jenseits des Arno im Schatten des in aller Welt bekannten Chianti ist wilder, weniger touristisch und damit noch ursprünglicher. Dabei haben die Hänge am1500 Meter aufragenden Pratomagno so viel zu bieten. Viele Florentiner haben längst erkannt, dass es sich ein paar Kilometer südöstlich ihrer von Touristen überschwemmten Stadt in der Abgeschiedenheit der Hügel sehr ordentlich und preiswert leben lässt. Und gute Restaurants gibt es natürlich auch im Hügelland. Alessandro dell' Acqua lernen wir am Nachmittag in der Fattoria Montalbano kennen, und wir unterhalten
uns über die toskanische Küche, über gutes Olivenöl und den Roten, den Luciano Nustrini als „Il Buio" (der Dunkle) aus der Chianti- Traube Sangiovese keltert, im Fass als Riserva ausbaut. Beides kauft der Koch in der Fattoria. Drei Stunden später sitzen wir im „Dell Acqua", einem Ristorante in einer eher schmucklosen Straße in Reggello, und genießen in mehreren Gängen, Antipasto, Primo, Secondo und ein Dessert zum Hinknien. Gästen bietet sich ein besonderes Schauspiel, denn der Koch arbeitet vor ihren Augen wie in einem riesigen Schaufenster. Das Restaurant wirkt durch seine Schlichtheit -wie auch das Essen. Es ist so köstlich, weil es so einfach ist. „Gemellaggio", zu deutsch Partnerschaft, ist ein großes Thema in der Region Florenz. Einer, der sich damit auskennt und fast alle Verbindungen hat anbahnen helfen, heißt Paolo Rosseti. Als er vor 14 Jahren den Roßdörfer Bürgermeister Alfred Jakoubek zum ersten Mal traf, war er Beigeordneter der Gemeinde Reggello, und sein Bürgermeister hieß Massimo Sottani. Die drei begeisterten sich für den Gedanken einer Partnerschaft. Jakoubek, in der Provincia Firenze als Alfredo bekannt, war längst Landrat, als 1999 die Verschwisterungsurkunden unterzeichnet wurden. Auch Sottanis Nachfolger Sergio Benedetti, Besitzer eines Möbelhauses, sieht in der Partnerschaft mit Roßdorf viele Vorteile. „Wirtschaftliche Beziehungen würde ich gern weiterentwickeln", verkündet er im Gespräch mit dem ECHO. Klar, dass er dabei nicht nur an den verstärkten Handel mit Lebensmitteln aus den Regionen wie Wein, Olivenöl („Es ist besser als das aus dem Chianti"), Wurst, Honig und Käse, sondern vor allem an die Möbel aus der Region, Textilmode und Lederwaren denkt. Benedetti spricht von vielen Kontakten zu Roßdorf. „Es haben sich auch Freundschaften gebildet", versichert er. Dazu trägt auch das Bierfest bei, das in Reggello seit acht Jahren im Sommer von der Partnergemeinde Roßdorf ausgerichtet wird. Am vergangenen Wochenende war eine Gruppe aus Roßdorf zu Besuch in Reggello, um mit den Italienern Pfungstädter Bier zu trinken. Die Roßdörfer Bürgermeisterin Christel Sprößler bestätigt eine „lebendige Partnerschaft, die allerdings noch lebendiger sein könnte". Sie kenne etliche Leute, die in und um Reggello Urlaub gemacht haben, wozu der Agriturismo (Ferien auf dem Bauernhof) in besonderer Weise beitrage. Nicht nur im November steht in Reggello das Olivenöl im Mittelpunkt. Dann aber besonders. Denn der neue Jahrgang wird geerntet und kann auf einer Ölmesse, der „Rassegna dell'Olio Extra Vergine di Oliva" im Dezember präsentiert werden. Auch dazu reist eine Gruppe aus Roßdorf in die Provincia Firenze. Luciano Nustrini ist Herr über 1700 Olivenbäume. Die jüngste Olivenernte hat er von Attilio Pasquini in Reggello zu „Olio extra vergine", dem kalt gepressten, grünen Öl verarbeiten lassen. Er kennt das Geschäft seit vielen Jahren, erntet im Jahr 25 Tonnen Oliven, um daraus zehn Prozent des für die Region so typischen Öls zu gewinnen. Die Ölmüller, hebt Luciano stellvertretend für seine Kollegen zur Klage an, fühlten sich von der Gemeinde schlecht repräsentiert, weil sie die Ölmesse nach wie vor in einer Turnhalle veranstalten müssen, anstatt dort, wo sich Menschen aus der ganzen Welt träfen, um italienische Mode einzukaufen. Die Gemeinde hat bei Leccio das Gelände zur Verfügung gestellt, auf dem eine Outlet-Mall steht, die ein Millionen publikum anziehe. Aber für die Gemeinde selbst falle nichts ab. „Die Mall ist wie ein Fremdkörper. Die Leute kommen sogar aus Japan, kaufen Klamotten und verschwinden wieder." Naturreservat oberhalb des Städtchens Dabei hat Reggello, malerisch unterhalb des bis über 1500Meter aufragenden Pratomagno gelegen, rund um die Piazza Potente einen für die Toskana typischen Stadtkern zu bieten. Der Foresta di Vallombrosa liegt oberhalb des Städtchens, ist ein Naturreservat mit Nadelwald. Vallombrosa mit dem gleichnamigen Kloster war Ende des 19. Jahrhunderts auf dem besten Weg, sich zu einem bedeutenden Luftkurort zu entwickeln. Der Krieg setzte nicht nur der faschistischen Diktatur, sondern auch der Blüte jener Jahre ein Ende. Die Zahnradbahn fährt nicht mehr. Wer hinauf will auf den Pratomagno, muss die enge kurvenreiche Autostraße nehmen, die nach Vallombrosa auf rund 1000 Meter Höhe führt. Es ist das Gesamtbild, das den Besucher fesselt und es ihm schwer macht, den Landstrich wieder zu verlassen. Dazu gehören auch die gastfreundlichen Menschen.
VON REINER TRABOLD
AUSKÜNFTE ÜBER REGGELLO
Die Gemeindeverwaltung Reggello erreicht man über Telefon 0039 055 86691, weitere Hinweise gibt es auf der Internetseite www.comune.reggello.fi.it (nur italienisch). Hinweise auf das Weingut Fattoria Montalbano, in dem auch Ferienwohnungen vermietet werden, unter www.montalbano.it (auch in deutscher Sprache).
FREIZEIT U REISE SONNTAGS-ECHO - SAMSTAG, 17. JULI 2010
Erscheinungstag: 17.07.2010
FOTOS: REGINA TRABOLD
Ölbauer: Luciano Nustrini von der Fattoria Montalbano.